Abt.: Habsburg

Spaziergang durch Wien

Gehe ich durch eine fremde Stadt, dann interessieren mich natürlich Dinge, die anders sind, als bei mir zuhause. Mit ein bisschen offenen Augen kommt da schnell was zusammen. Diesmal: Wien.

Gemeindebau

Warum es in Wien bezahlbaren Wohnraum gibt und in München nicht? Ein Grund ist das grundsätzliche Herangehen an das Thema. In München klammert man sich seit eh und je an den Fetisch, dass der Markt das schon regelt. In Wien betrachtet man Wohnen seit rund 100 Jahren als öffentliche Daseinsvorsorge.

In München weiß man seit rund 100 Jahren, dass der Markt das nicht regelt. In Wien weiß man seit rund 100 Jahren, dass das mit den Gemeindebauten recht gut funktioniert.

Wien also baut seit rund 100 Jahren Gemeindebauten. Der Boden gehört der Stadt. Die Wohnungen gehören der Stadt. Damit hat die Stadt einen gewaltigen Spielraum, die Mietpreise zu gestalten.

München hingegen verlässt sich weiter auf den Markt uns steht wie das Kaninchen mit weit aufgerissenen Augen vor den stetig wachsenden Mietpreisen.

Aber auch in Wien ist nicht alles eitel Sonnenschein. Nehmen wir mal die Causa Lueger...

Karl Lueger: Wiener Bürgermeister und Antisemit

Mal unter uns liebe Wiener, hört sich das nach jemanden an, dem man ein Denkmal setzen muss? Oder nach jemanden, der nach Aufarbeitung und Mahnmal ruft?

Karl Lueger (1844–1910) war von 1897 bis 1910 Bürgermeister von Wien und Gründer der Christlichsozialen Partei. Er machte Antisemitismus und nationalistische Hetze zu zentralen Mitteln seiner Politik und trug entscheidend dazu bei, judenfeindliche Ressentiments gesellschaftlich zu verankern. Adolf Hitler bewunderte Lueger ausdrücklich und stilisierte ihn später zum „gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten“. Trotz seiner Verdienste um die Modernisierung Wiens bleibt sein politisches Wirken untrennbar mit menschenverachtendem Antisemitismus verbunden.(1)

Ihr habt euch für die Denkmal Variante entschieden. Seid also bis heute stolz auf eure antisemitische Vergangenheit.

Ich hoffe, ihr seid mir nicht böse, wenn ich euch zukünftig etwas weniger lieb habe. Ich für meinen Teil bin nämlich auf niemanden stolz, der was mit Antisemitismus am Hut hat. Selbst dann nicht, wenn er Autobah... ups, Wohnungen gebaut hat.

Weil es bei euch aber auch welche gibt, die das mit dem Antisemitismus nicht ganz so toll finden, habt ihr euch was ausgedacht, was mir in seiner Absurdität schon wieder ein wenig Respekt abnötigt: Ihr habt das Lueger Denkmal schief gestellt.

Ihr habt den Denkmalkoloss also nicht einfach zu Schotter verarbeitet, ihr nähert euch dem Antisemitismus künstlerisch. So subtil, dass der unkundige Passant mit dem unbestimmten Gefühl vorüber geht, in den Augenwinkeln eine ungewöhnliche Schieflage wahrgenommen zu haben. Quasi als nachhaltige Aktion, die ihre Wirkung über das Unterbewusstsein in die Realität transportiert.

Weil es jedoch und dankenswerter Weise Zeitgenossen gibt, die sich nicht rein auf die Wiener Subtilität verlassen wollen, bekommt das Denkmal gelegentlich und plakativ einen Farbbeutel vor den Latz. Recht so.

Regenwasserurne

Habt ihr schon einmal von einer Regenwasserurne gehört? Ich nicht. Umso erstaunter war ich, am Friedhof Hietzing plötzlich auf diese Skulpturen zu stoßen. Sie erinnern mich an außerirdische Objekte, die der Serie Mondbasis Alpha Eins entsprungen sind.

Die Asche der Verstorbenen wird in diese Gefäße gefüllt und der Regen wäscht die Asche nach und nach ins Erdreich. Die Verstorbenen als Dünger sozusagen. Auch sehr direkt.

Eine Frage hätte ich da aber noch. Wenn ich dereinst den Dienst einer solchen Urne in Anspruch zu nehmen gedenke, werde ich dann einfach zu den Vorverstorbenen gekippt? Oder wird die Urne vorher geleert und gut geschrubbt. Weil ich wäre schon gern wählerisch, mit wem ich die Ewigkeit verbringe.

Schlächterei und Fettwaren

Im Alltag und auf der Straße begegnen dem Flaneur gelegentlich unbekannte Worte, die dem aufmerksamen Besucher nach einiger recht flüssig über die Lippen gehen. Paradeiser etwa oder Erdäpfel. Wobei der Wiener auch mit Tomate und Kartoffel zurecht kommt, sich in seiner Gedankenwelt jedoch ein "gschissener Piefke" breit macht.

Dass der Wiener gelegentlich das direkte Wort der Beschönigung vorzieht, zeigt sich am ungeschminkten Schlächter oder Fleischhauer.

Was aber um alles in der Welt sind Fettwaren?

Vor meinem geistigen Auge entstehen Bilder von fetttriefenden Würsten. Etwa der Burenwurst.

Aber nein. Darum geht es nicht. Fettwaren sind das Fett an sich. Also Schweineschmalz, Bauchspeck, Grammeln oder Schmer. Aber auch Butter, Margarine oder Pflanzenöle. Wieder was gelernt.

no suga

Weil es mit 29° zwar nicht tropisch, aber schon recht warm ist und weil der Weg bar jeden Schattens ist, braucht der Körper wenigstens ausreichend Flüssigkeit. Also rein in den nächsten Laden - ein Bioladen - und einen Eistee aus dem Kühlregal geangelt. Holunderblüte steht auf der Packung und Melisse auch. Süß und blumig. Zuckerfrei. Soll mir recht sein.

Raus aus dem Laden, aufmachen, trinken. Pfui, was ist das denn? Kamillentee. Nicht dass ich was gegen Kamille hätte, aber wenn ich Holler kaufe, erwarte ich Holler und nicht Kamille. Auch von Melisse ist nichts zu schmecken. Dafür Stevia. Stevia ist das Zeug, dass sich als langanhaltender, unangenehmer Nachgeschmack im Mund breit macht. Bah...

Hätte ich mal vorher den Beipackzettel gelesen. Da steht nämlich, dass es eigentlich Kräutertee ist. Bestenfalls mit einem Hauch von Holunder. In einem neutralen Medium mag ein Hauch von Hollunder im Tee zu einer Ahnung von Holunder im Mund werden. Nicht aber in einer Kamille Stevia Plörre.

Apropos Stevia. Zuckerfrei soll der Tee sein und doch süß. Auch diesen Widerspruch löst der Beipackzettel. Neben Stevia ist da nämlich auch Süßholzwurzel und Apfelsaft mit drin. Also Zuckerersatzstoffe, bei denen der Gesetzgeber wohl ein Auge zudrückt. Denn zumindest im Apfelsaft ist ordentlich Fruchtzucker drin.

Lange Rede, kurzer Sinn: Finger weg von diesen "no suga" Produkten.

Soda Hibiskus Melisse

Lasst mich den Abend mit etwas Besonderem beginnen, so dachte ich bei mir. Vielleicht mit einem Soda Hibiskus Melisse. Also gedacht getan... recht unbedacht. Denn jetzt denke ich, so schnell mache ich das nicht mehr.

Sicher, da ist Hibiskus drinnen und auch Melisse. Was aber auch drinnen ist: Nelke. Warum? Die Nelke erschlägt alles. Da schmeckst du keinen Hibiskus mehr.

Ich stürze das Nelkensoda also eilig hinunter, bestelle einen Eierbär und bin wieder versöhnt.

Wobei ich einem Freund zustimmen muss, der sehr richtig festgestellt hat:

Eier Bär ist nicht unbedingt ein Umsatz fördernder Name für ein Bier.

Macht nichts. Ist ein IPA, ist lecker und wie gesagt, es versöhnt nach einem Nelkendesaster.

(1) Der vollständige Text an Luegers Denkmal

Karl Lueger

Karl Lueger (1844–1910) war Rechtsanwalt und Politiker. Ursprünglich Anhänger des Liberalismus, gründete er 1893 die Christlichsoziale Partei. Seine politische Rhetorik wurde zunehmend geprägt von aggressivem und menschenverachtendem Antisemitismus sowie von Vorurteilen gegen andere Nationalitäten der Habsburgermonarchie, vor allem Ungarn. Auch lehnte er die Verwendung der tschechischen Sprache in Wien ab, warb aber um assimilierte Tschechen. Sein politisches Handeln war von der Durchsetzung antisozialistischer bürgerlicher Privilegien in unterschiedlichen männlichen Wählerschichten geprägt. Gleichzeitig argumentierte er, dass es keinen Unterschied zwischen Christlichsozialen und Deutschnationalen gebe.

Lueger, von 1897 bis zu seinem Tod Wiener Bürgermeister, ist in der Gegenwart eine umstrittene Persönlichkeit. Während des Nationalitätenkonflikts befeuerte er die antisemitischen, radikalpopulistischen Tendenzen seiner Zeit. Kaiser Franz Joseph I. bestätigte ihn deshalb erst im fünften Anlauf als Bürgermeister. Dass er vereinzelt Kontakt mit Persönlichkeiten jüdischer Herkunft hatte, änderte nichts an den weitreichenden negativen Folgen seiner antisemitischen Strategien. Als Bürgermeister setzte er 13 Jahre lang den bereits von seinen liberalen Vorgängern eingeleiteten Ausbau der kommunalen Infrastruktur Wiens fort, modernisierte die Verwaltung und förderte die Entwicklung der Zweimillionenmetropole während der Zuwanderung aus allen Teilen der Monarchie. Die Bekämpfung der extremen Wohnungsknappheit und der zu hohen Mieten war ihm kein politisches Anliegen, da er massive politische Unterstützung durch Immobilienbesitzer erhielt.

Schon zu Lebzeiten war Lueger ein Mythos, den er selbst förderte. Trotz politischer Gegnerschaft wurde er von Adolf Hitler zum „gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten“ hochstilisiert. Der Bildhauer Josef Müllner gewann 1913 den Wettbewerb für das Lueger-Denkmal, das erst 1926 zur Zeit der sozialdemokratischen Alleinregierung aufgestellt wurde. Müllner, der viele Ziele des ehemaligen Bürgermeisters teilte, war Mitglied der antisemitisch und deutschnational ausgerichteten schlagenden Burschenschaft Athenaia und trat 1940 in die NSDAP ein.