Abt.: Pedalritter

Lichtgeschwindigkeit

Lichtgeschwindigkeit, der Traum der Menschheit seit uns Einstein klar gemacht hat, dass wir sie nie erreichen werden. Nie? Ach, was weiß Einstein schon.

Hat er nicht auch gesagt, alles sei relativ? Aus dem richtigen Blickwinkel also auch relativ einfach. Und so haben wir unseren Relativitätsaktivisten Paul Balthasar damit beauftragt, sich etwas genauer mit der Lichtgeschwindigkeit zu befassen. Er hat dabei Erstaunliches herausgefunden. Wir haben ihn am Rande der Weltausstellung in Paris zu einem kurzen Interview getroffen.

EMAZ: Herr Balthasar, sie haben sich nun relativ lange mit der Lichtgeschwindigkeit befasst. Zu welchen Ergebnissen sind sie gekommen?

Paul Balthasar: Zunächst einmal ist so ein Licht eine relativ langweilige Angelegenheit. Ein Licht startet direkt mit Lichtgeschwindigkeit. Und es kommt auch mit Lichtgeschwindigkeit an. Keine Beschleunigung, kein Abbremsen. Und unterwegs auch keine Zeit für eine kurze Pause. Kein sich die Beine vertreten und kein Innehalten, um die Sehenswürdigkeiten zu genießen.

EMAZ: Aber ist diese Geschwindigkeit nicht beeindruckend?

Paul Balthasar: Tatsächlich weniger, als sie vielleicht annehmen. Sie ist einfach da. Von jetzt auf gleich. Und dann wieder weg. Sie kann sich nicht modulieren. Nicht langsamer werden und auch nicht über ihr Limit hinaus gehen. So ist sie definiert. Und dabei wären noch ganz andere Geschwindigkeiten denkbar.

EMAZ: Wie sind sie denn zu dieser Erkenntnis gekommen?

Paul Balthasar: Eigentlich ganz einfach. Ich habe den Rechenschieber und einen Notizblock genommen. Ich habe mit relativ einfachen Berechnungen angefangen. Was ist eins plus eins, zum Beispiel. Habe mich gesteigert. Dreisatz, Binomische Formeln und so Zeug. Und bin dann schnell und über relativ viele Umwege zur Relativitätstheorie gelangt. Nach einer relativ einfachen Berechnung ist es mir gelungen weit höhere Geschwindigkeiten, als die Lichtgeschwindigkeit nachzuweisen.

EMAZ: Wie muss man sich das vorstellen?

Paul Balthasar: Wie gesagt, eigentlich relativ einfach. Die Betrachtung eines relativ wenig gekrümmten Schachbretts hat mich auf die Idee gebracht. Sie kennen ja die Geschichte vom Schachbrett und dem Reis(1). Ich habe nun angenommen, ich schwinge mich auf mein - zugegeben schon etwas betagtes - Rad und radel los. Dabei steigere ich meine Geschwindigkeit jede Stunde um genau 1%. 1% ist nicht viel. Und doch erreiche ich nach gerade einmal 3 Monate konsequenter Radtour die Lichtgeschwindigkeit. Strample ich mit gleichbleibender Konsequenz weiter, voilà, die Lichtgeschwindigkeit ist überschritten.

EMAZ: Das ist jetzt aber reine Theorie. Das funktioniert in der Praxis doch niemals.

Paul Balthasar: Und ich sage ihnen, und wie das klappt. Ich sage ihnen sogar, ich habe das bereits gemacht. Alpha Centauri in acht Monaten hin und zurück. Da ist Shopping mit drin und ein Bisschen Sightseeing auch. Die NASA kann da nicht mithalten. Die lassen sich einfach zu sehr von der Realität gängeln. Wenn die Physik sagt, mehr als 40.300 km/h ist nicht, dann fliegen sie eben nicht schneller. Von solch wissenschaftlicher Engstirnigkeit lasse ich mich nicht bremsen.

EMAZ: Haben sie denn Belege, dass sie Alpha Centauri besucht haben?

Paul Balthasar: Natürlich. Lesen sie meinen Reisebericht. Sie werden erstaunt sein. Und sie werden sehen, was mit dem richtigen Mindset alles möglich ist. Die Astronauten der NASA werden ihnen das bestätigen, sobald sie wieder zurück sind. Also in etwa 100.000 Jahren.

EMAZ: Sie haben damit mehr erreicht, als je ein Mensch vor ihnen. Geben sie sich damit zufrieden?

Paul Balthasar: Oh nein, ich habe noch Ziele. Momentan arbeite ich daran, die Zeitmauern einzureißen und zu überwinden. Ich denke, auch hier bin ich auf einem guten Weg. Sind mir doch schon kurze Zeitsprünge ganz gut gelungen(2).

(1) [wikipedia]: Weizenkornlegende
(2) [emaz.de]: Zeitreisen, ein Menschheitstraum

ALPHA CENTAURI - ein Reisebericht

Die Planungsphase

Weil ich von Lichtgeschwindigkeit wenig Ahnung habe und mir das auch egal ist, konnte ich unvoreingenommen an die Sache heran gehen. Wenn man sich von der Realität nicht einschränken lässt, dann merkt man, wie sich in der Phantasie Lösungen für Probleme manifestieren, von denen man bislang keine Ahnung hatte. Ich habe also ein paar große Namen genommen - Einstein, da Vinci, Wright - und habe mich mit ihnen an den Tisch gesetzt. Ich habe ihre Ideen aufgenommen und mir so meine Gedanken gemacht. Wie wäre es denn, sich, rein mit Muskelkraft, Beharrlichkeit und frei von physikalischen Ketten, auf den Weg nach Alpha Centauri zu machen? Gemeinhin versucht die moderne Raumfahrt innerhalb kürzester Zeit größtmögliche Geschwindigkeit zu erreichen. Es wird alles groß gedacht. Und in dieser Denke setzt die Realität enge Grenzen.

Ich gehe das anders an. Ich nehme mir Zeit und möchte die Reise gemütlich angehen. Und dass das klappt, zeigt eine recht einfache Berechnung. Die Grundannahme: Wenn ich mich aufs Rad schwinge und mit 1 km/h los düse und dann meine Geschwindigkeit jede Stunde um 1% steigere, wie lange wird es dauern, bis ich Lichtgeschwindigkeit erreicht habe? Daraus ergibt sich folgende Rechnung:

1 mal 1,01 hoch n = 1.079.252.849
Also sind n etwa 2090 Stunden.

2090 Stunden sind 87 Tage, also knapp drei Monate. Das ist nicht viel. Und vor allem ist es nicht das Ende. Wenn ich nämlich konsequent weiter in die Pedale trete, dann sind noch viel abenteuerlichere Geschwindigkeiten möglich.

In der Werkstatt

Um eine Reise in die Lichtgeschwindigkeit vorzunehmen ist eine gute Ausstattung Grundvoraussetzung. Bequem sitzen ist schon mal eine gute Idee. Also ist das Hollandrad dem Rennrad eindeutig vorzuziehen.

Erste Versuche haben gezeigt, man kann nicht einfach das Rad aus dem Keller holen und die Schotterstrecke an der Isar entlang radeln. Schlaglöcher, Bäume, Fußgänger. Alltägliches wird bereits bei Schallgeschwindigkeit zur lebensbedrohlichen Gefahr.

Die einfachste Möglichkeit, das zu vermeiden ist... einfach nicht die Schotterstrecke an der Isar entlang radeln. Darüber hinweg radeln - also quasi fliegen - das wäre eine Möglichkeit. Weil aber selbst stabile Schutzbrillen in niedriger Umlaufbahn nicht gegen Vögel, Flugzeuge und Weltraumschrott helfen und Reaktionszeit und Bremsweg eine schnelle Reaktion unmöglich machen, bietet es sich an, eine Gegend ohne Hürden aufzusuchen. Und wo gibt es weniger Hürden als in einem gut aufgeräumten Weltall.

Weil aber das Fliegen noch in den Kinderschuhen steckt und die handelsüblichen Fluggeräte nicht auf Lichgeschwindigkeit ausgelegt sind, muss ich schnell noch die richtige Technologie entwickeln.

Ich habe mir so dann die alten Unterlagen von da Vinci, dem Schneider von Ulm, Jules Verne und natürlich den Gebrüdern Wright kommen lassen. Damit habe ich mich in meine Werkstatt zurück gezogen. Nach langen, kalten und dunklen Wintermonaten ist es dann so weit und ich kann mein Flugobjekt der Öffentlichkeit präsentieren.

Das Flugobjekt

Weil ich das Flugobjekt nicht einfach in den Hinterhof stellen wollte, um die Nachbarn zu beeindrucken, habe ich das Gerät genommen und habe es in eine Ausstellungshalle auf der Weltausstellung in Paris 1889 geschmuggelt.

Zu der Zeit wurde ja allerhand Mögliches und Unmögliches erfunden und erdacht. Zeitmaschinen, Luftschiffe, Atom-U-Boote und lauter so Dinge. Da passe ich ganz gut dazu.

Die Wette

Es hat nicht lange gedauert und ich hatte Sponsoren für meine Unternehmung gefunden. Aber auch Skeptiker, Neider und Konkurrenten.

Eines Abends saß ich mit Cuthbert Fogg - dem Sohn von Phileas Fogg - beim Kartenspielen, als er mir eine Wette vorschlug. Er würde eine Weltraumrakete bauen und wolle damit Alpha Centauri schneller erreichen, als es mir mit meinem Flugobjekt möglich sei. Ich schlug ein und freute mich auf einen spannenden Wettkampf.

Startvorbereitungen

Wenige Wochen später war es so weit, ich stand mit meinem Flugobjekt an der Startrampe der nagelneuen Rakete. Weil Raketen bereits bekannt waren, nicht jedoch Flugobjekte mit Flügeln und weil sich auch niemand vorstellen konnte, mit reiner Muskelkraft in den Weltraum zu kommen, war ich natürlich Mittelpunkt des Interesses und Cuthbert Fogg stand mit seiner Mannschaft etwas bedröppelt auf der Seite.

Zeitungsbericht

"Mit dem Radl zu den Sternen" titelt die Times. Es hat sich also herumgesprochen, dass ich mich auf den Weg mache.

Der Start

Auf geht's. Während die Rakete mit viel Getöse, Feuer und Qualm abhebt, um schnell Geschwindigkeit und Höhe zu erreichen, mache ich mich gemütlich auf den Weg. Ich habe ja Zeit. Bis ich auf 30 km/h komme, dauert es immerhin 14 Tage. Vorher werde ich auch nicht abheben. Der Auftrieb wäre viel zu gering. Aber wie gesagt, ich habe Zeit.

Auf dem Mond

Erhaben zieht der Mond unter mir dahin. Hinter mir das Erdenrund. Nur wenigen Menchen ist diese Anblick vergönnt.
Ganz da unten, da sehe ich Cuthbert Fogg und seine Astronauten. Sie sind also vor mir auf dem Mond angekommen. Es sei ihnen gegönnt. Aber der Mond ist nicht mein Ziel. Mir steht der Sinn nach Höherem. Oder besser Weiterem. Ein bisschen habe ich ja noch.

Am Mars vorbei

Ich bin jetzt 55 Tage unterwegs. Ich merke, wie ich langsam ganz schön Fahrt aufnehme. Zur Linken sehe ich eine rote Kugel: Der Mars. Mit der Rakete liege ich gleich auf.

Vergnügt winke ich Cuthbert und den seinen zu. Das haben sie nicht gedacht, von einem Radler überholt zu werden.

Alpha Centauri

Ich würde mal sagen, eindeutig gewonnen. Immerhin warte ich hier schon geraume Zeit auf Cuthbert und die seinen. Ich habe mir bereits die Stadt angeschaut und ein paar Einkäufe erledigt.

Jetzt noch schnell in den Souvenirladen, ein bisschen Tand für die Liebsten. Und etwas Landestypisches auch, sonst glaubt mir wieder niemand, dass ich da war.