Abt.: Brautag

Arbeitstitel: Glühwürmchenextrakt

Es sind die kurzen Momente im Leben des Hobbybrauers, die darüber entscheiden, ob ein neuer Sud einen eigenen Namen bekommt, ob man sagt, stelle es zu den anderen oder ob es schweren Herzens den Weg zum Ausguss antreten muss.

In manche Biere muss man sich auch erst eintrinken. So wie man sich in ein neues Album der Lieblingsband einhören muss.

Jetzt steht also die erste Flasche meines letzten Experiments vor mir. Ein Schnellbier. Arbeitstitel: Glühwürmchenextrakt.

Ein sattes Plopp beim Öffnen der Flasche bringt Ruhe in mein Herz. Es ist ein nettes Bier. Entgegenkommend. Leider. Da geht der erste Schluck den Bach hinunter. Vielleicht muss ich dem Bier noch ein paar Tage Zeit geben.

Egal, die Flasche ist offen. Muss ins Glas. Muss probiert werden.

Gelb, trüb und voller Anmut steht es im Glas. Ich vermeine, Honignoten wahr zu nehmen. Kräftige Honignoten und etwas Karamell.

Im Antrunk umperlt das Bier die Zungenspitze und rinnt geschmeidig die Kehle hinunter.

Hat da drüben jemand was von Grapefruit gesagt? Ja? Dem muss ich zustimmen. Aus der kräftigen Hopfenbittere schält sich ein Grapefruitaroma heraus. Grapefruit und Bitterness halten sich. Ich mag das. Da hat man länger was vom Bier.

Unvermittelt entfährt mir ein "Wow ist das geil". Das sind die kurzen Momente im Leben des Hobbybrauers, die das Leben des Hobbybrauers so lebenswert machen. Diese Momente, die du nie und nimmer mit gekauftem Bier erleben kannst. Nicht bei einer Brauereiführung im hintersten Irland. Nicht bei einem Tasting unter erfahrener Anleitung.

Dieses Bier hat einen Namen verdient und ein Etikett auch.

Ich liebe es, Hobbybrauer zu sein.

PS.: Der Name Glühwürmchenextrakt kam nicht so gut an. Vielleicht weil die Vorstellung Glühwürmchen auszupressen mit Biergenuss nicht in Einklang zu bringen ist. Nenne ich es Lichtextrakt. Licht wird man ja noch auspressen dürfen ohne Gefühle zu verletzen.

Wer das Bier nachbrauen will, hier das Rezept.