Abt.: Gizeh
Abendessen in Ägypten
Ein Abendessen in Ägypten, das klingt verheißungsvoll. Und dekadent auch. Und weil ich eben nicht nur Abendessen war, kommt hier ein längerer Text.
Wo fängt man am besten an? Am Anfang zum Beispiel. Das ist eine gute Wahl, denke ich. Also so:
"Dann laden wir euch in Kairo zum Abendessen ein". So oder so ähnlich kam das zustande. Natürlich ist dem was voraus gegangen. Ein angeregtes Gespräch über Ägypten, die antike Kultur und das neue Museum in Kairo. Und irgendwas über Geburtstagsgeschenke, die nur in der Ecke stehen und einstauben.
Wobei "einstauben" an anderer Stelle noch mal eine Rolle spielen wird.
Also Abendessen in Kairo. Und Museum und natürlich auch die Pyramiden. Und Kairo auch. Oder genauer Gizeh. Das ist quasi das Links der Isar von Kairo. Also Links vom Nil.
Das erste Mal, dass ich zum Essen gehen geflogen bin. Aber es gibt ja immer irgendwie ein erstes Mal. Ein bisschen dekadent, oder?
Der Smog und das Feilschen
Ankommen am Flughafen in Kairo. Zwei Dinge prägen sich sofort ein. Der Smog und das Feilschen. Beides klebt am Schuh, frage nicht.
Noch nicht ganz aus der Passkontrolle raus, hängt schon der erste am Ohr: Taxi. Best price. My friend. Von 2500 Pfund runter gehandelt. Auf 2000. Auf 1500. Auf 1100. Mit etwas Stolz bestiegen wir das Taxi. Später haben wir erfahren, dass der Preis für die Strecke eigentlich bei 200 Pfund liegt. Fühlen uns etwas über das Ohr gehauen.
In der Abenddämmerung sieht alles irgendwie mystisch aus. Hinter einem Schleier. Lichter leuchten im Nebel. Erst nach und nach ist es uns gedämmert, das ist kein Dunst und kein Nebel, das ist Smog. Ein Smog, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Und dieser Smog ist Begleiter auf Schritt und Tritt. Vom Aufwachen bis spät in den Abend.
Die Nase verklebt. Die Lippen werden rau und rissig. Man meint die Luft kauen zu müssen. Autos, Straßen, Tische, Stühle. Eigentlich alles ist von einer feinen Staubschicht bedeckt. Ich bin mir sicher, der Staub kommt nicht aus der Wüste.
Der Verkehr
Interessiert ihr euch, welche Autos eure Großväter gefahren sind? Dann geht nicht ins Museum, dann geht in Kairo auf die Straße. Dort fahren sie noch, die Audis und VWs. Die scheinen unverwüstlich. Bei manchen sind die Deutschen Nummernschilder noch zu sehen. Ägyptische Kennzeichen werden einfach drüber gepappt.
Wenn nun die Hippies der 70er und 80er meinen, sie hätten ihren Bulli umweltgerecht entsorgt oder an einen Liebhaber vertickt, weit gefehlt. Die alten VW Busse fahren alle auf den Straßen von Kairo. Manchmal ohne Türen zwar. Und mit Küchenstühlen ausgestattet. Aber sie fahren. Als Großraumtaxis sind sie allerorts zu sehen. Sie sammeln ihre Kundschaft quasi im Vorbeifahren auf. Und sie lassen auch mal mitten auf der vierspurigen Ringstraße aussteigen.
Habe ich gerade "vierspurig" gesagt? Nun ja, es gibt Spurbegrenzungen. Die sind auch zu sehen. Die interessieren nur keinen. Überhaupt gibt es Verkehrsregeln, die den unseren gar nicht so unähnlich sind. Die interessieren nur keinen.
Ampeln? Quatsch.
Rücklichter? Quatsch.
Verbot, rechts zu überholen? Quatsch.
Gurtpflicht? Quatsch.
Hupen? Ja, Hupen sind wichtig. Nicht als Warnsignal. Zu Kommunikation sind sie da. Die einfacheren Codes hat man auch als Tourist bald raus. Wird eine muntere Melodie gepfiffen, dann nähert sich ein Zweirad und bittet höflich, am Leben gelassen zu werden. Ertönt ein Gutturales Nebelhorn, dann gilt es auf die Seite zu springen. Ein Laster nähert sich und kündigt an, dass es ungewiss ist, ob die Bremsen noch funktionieren. Versuchen zwei Wagen zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein - was physikalisch unmöglich ist - dann handeln sie mit fein modulierten Tönen aus, wer jetzt als erster darf. Werden sich zwei Fahrer nicht handelseinig, dann schiebt der eine den anderen eben weg. Zumindest sehen die meisten Autos nach Vollkontakt aus. Gesehen hingegen habe ich keinen einzigen Unfall. Es funktioniert. Irgendwie.
Zwischendrin Radfahrer, Eselkutschen und Kamele. Über die teilweise sechs-, achtspurige Stadtautobahn huschen aus Ermangelung an sicheren Querungen Fußgänger zwischen den mit 100 dahin rauschenden Autos. Es funktioniert. Irgendwie.
Jetzt aber weg vom heutigen Kairo, rein in die Antike.
Das Museum
Die alten Ägypter haben den neuen Ägyptern so einiges hinterlassen. Säuberlich verstaut in Pyramiden und Wüstengräbern waren diese Hinterlassenschaften der Annehmlichkeit längst verstorbener Pharaonen gedacht. Grabräuber, Abenteurer und selbst ernannte Wissenschaftler wollten den Pharaonen die Annehmlichkeiten nicht gönnen und haben Grab um Grab geöffnet und all die Hinterlassenschaften ans Licht gezerrt.
Allerlei Schindluder wurde über die Jahre betrieben. Gold eingeschmolzen. Reliefs geschleift. Schätze gestohlen und verschleppt.
Es hat gedauert, bis sich Ägypten auf die Hinterbeine gestellt und all die verbliebenen Schätze zurückgefordert hat. Weil Ägypten die Schätze weder den Eigentümern, also den Pharaonen, zurückgeben, aber auch nicht im Keller verstecken will, hat Ägypten ein Museum gebaut. Und was für ein Museum. Da wurde nicht gekleckert. Ein gigantisches Museum ist es geworden. Ein Museum, dass den Schätzen aus dem Wüstensand gerecht wird.
Tuti
Tutanchamun erfreut uns seit 1922 mit allerlei Gold und Tand. Einst als Wanderausstellung, heute stationär.
Seine goldglänzende Totenmaske ist aber auch ein Augenschmaus.
Was mir so nicht mehr erinnerlich war, die Mumie von Tutanchamun war nicht nur in einige Sarkophage verpackt. Die Sarkophage waren obendrein in einige Schreine verpackt.
Mir wurde gesagt, der Zugang zur Grabkammer sei eigentlich zu klein, um die Schreine dort hinein zu bekommen. Da stellt sich die Frage, wurden erst die Schreine gezimmert und dann die Pyramide drum herum gebaut. Oder stand die Pyramide bereits und die Schreine wurden auf Maß hinein gezirkelt. Ich würde ersteres bevorzugen, weil die Räumlichkeiten - und damit die Bewegungsfreiheit - im inneren einer Pyramide doch sehr knapp sind.
Wahrscheinlich ist es genau anders herum. Also musste Schrein in Schrein in der Pyramide gebaut werden. Was ein Aufwand.
Entwicklung und auch nicht
Heutzutage muss ein Künstler in seiner Schaffenszeit Entwicklung und Weiterentwicklung zeigen. Kaum einer, dessen Spätwerk seinem Frühwerk gleicht.
Ganz anders in der Ägyptischen Antike. Da haben sich nicht nur einzelne Künstler der Veränderung verschlossen, sie haben sich über viele... sehr viele Generationen konstant verweigert. Statuen der 1. Dynastie gleichen denen der 31. Dynastie. Dazwischen liegen schlappe dreieinhalb Jahrtausende. Glaubt ihr nicht? Seht selbst.
Zwischen der Statue von Neferhotep und Tjenteti mit dem Prister an der Seite und Nesmin liegen knapp 2000 Jahre.
Neferhotep und Tjenteti
Nesmin
Bier
Die alten Ägypter haben Bier gebraut. Die neuen Ägypter haben es verboten. Meine Sympathie gehört den alten Ägyptern. Aus Gründen.
Wenn jetzt so einem Pharao ein Kasten gut gefüllter Bieramphoren auf die Reise ins jenseits mitgegeben wird und der Pharao dann in geselliger Runde mit Osiris und Anubis die Korken knallen lässt und dann aus den Amphoren lediglich zäher Schlamm quillt... ich denke, die Leute mochten den Pharao nicht so und haben ihm einen schlechten Streich gespielt.
Neben den Amphoren sollen auch diese Schnabeltassen der Bierverkostung gedient haben. Angeblich diente der Schnabel dazu, das Bier von unten her abzusaugen, um nicht den oben schwimmenden Schlabber ab zu bekommen. Der erfahrene Brauer jedoch weiß, ist im Bier ein Schlabber, dann setzt er sich am Boden ab. Insofern halte ich die Beschreibung für etwas gewagt. Leider lassen sich keine der Geschichten rund um die Schnabeltassen verifizieren.
Auch wenn die neuen Ägypter den Alkohol und auch das Bier ablehnen, gibt es trotzdem Ägyptisches Bier. Nicht ganz einfach, eins zu bekommen. Steht dann eine Dose oder Flasche Sakara, Stella oder Meister auf dem Tisch steht, darf man sich auf angenehmen Trinkgenuss freuen.
Bilderstürmer
Versierte Historiker, Kunsthistoriker und Phantombildzeichner können einzelne Skulpturen ihren Dynastien und Gesichter Namen zuordnen. Ich bin diesen Disziplinen fern, für mich sieht eine Statue aus wie die andere. Mir reicht es, wenn Skulpturen Gesichter haben. Gesichter sind nett anzusehen. Gesichter erzählen Geschichten.
Jetzt gibt es allerdings und leider Menschen, die das ganz anders sehen. Die sehen in den Gesichtern das Ebenbild Gottes und dieser Gott hat verfügt, dass sich der Mensch kein Ebenbild Gottes machen soll. Also ziehen diese Menschen durch Stadt und Land, immer einen Hammer und einen Meißel griffbereit und entfernen Gottes Ebenbilder, wo immer man sie lässt. Diese Bilderstürmer ficht es auch nicht an, dass die Gesichter aus einer Zeit stammen, zu der es ihren zornigen Gott noch gar nicht gegeben hat. Und es ficht sie auch nicht an, dass diese Gesichter vielleicht ganz andere Götter darstellen.
Die Pyramiden und die Sphinx
Irgendwie hatte sich in meinem Kopf ein Bild festgesetzt, dass die Pyramiden wenigstens einen Tagesmarsch südlich von Kairo zu verorten sind. Sind sie nicht. Sie sind von drei Seiten von der Monopolregion Kairo eingerahmt. Von Golfanlagen, McDonalds, Hotels, Restaurants und Slums.
Ein Hotel, dass keinen Pyramid View bieten kann ist kein Hotel, sondern eine Ruine.
Ein Restaurant, dass keinen Pyramid View bieten kann...
"Ich wollte schnell in die Pyramide, weil es da kühl ist"... ist es nicht. Im Inneren so einer Pyramide ist es ordentlich warm. Geradezu heiß möchte ich sagen. Und je tiefer man in die Geheimnisse der Monumente eintaucht, umso heißer wird es. Und stickig auch. Kein Spaß für Touristen, Priester und Grabräuber.
Das Abendessen
Ja und Abendessen waren wir schließlich auch. Hamam Mahshi und Shorba Ads. Ein Gedicht.
Ihr wisst nicht, was Hamam Mahshi und Shorba Ads sind. Ist nicht schlimm, ich habe das vorher auch nicht gewusst. Shorba Ads ist eine pürierte Linsensuppe. Die geht immer. Als Vorspeise, als Hauptgericht, am Nachmittag, am Abend. Die gibt es auch in vielen Restaurants. Hamam Mahshi hingegen ist schon mehr ein Gericht für besondere Anlässe. Hamam Mahshi ist gefüllte Taube. Gefüllt mit Reis und Dingen. Dabei sollte man natürlich vermeiden, sich vor dem Geistigen Auge eine Szenerie mit vollgekackten Flugratten manifestieren zu lassen. Mir gefällt der Gedanke an bunte Pfauen und stolze Ringeltauben besser.
Foto? Hey, ich mache hier doch kein Foodporn...