Abt.: Revolution war gestern

Haidhausen - ein Spaziergang

Gemütlich durch mein geliebtes Haidhausen schlendern. Das mache ich viel zu selten.

Heute also schlendern. Vorbei an all diesen für mich so geschichtsträchtigen Orten. Dabei auf Dinge stoßen, die sich scheinbar nicht verändert haben. Erinnerungen und Sehnsüchte wach rufen. Orte nicht mehr finden, die einst vor Leben gestrotzt haben.

Breisacherstraße

Infoladen
Ich schlendere also die Breisacherstraße entlang. Ich denke, irgendwo hier war der Infoladen. Ein düsteres Kellerrefugium, in dem aus allen Ecken der Luftzug der Revolution rauschte. War es dieses Haus? Oder jenes? Ich vermag es nicht zu sagen. Alles neu, alles renoviert. Hier weht kein revolutionäres Lüftchen mehr.

Lisbon Bar
Ich schlendere weiter und denke bei mir, jetzt muss eigentlich die Lisbon Bar kommen. Ein kleines Stück Portugal mit Bacalao, Portwein und Fado. Kommt aber nicht. Gibt es nicht mehr.

Haidhauser Nachrichten
Also weiter. Ui, schau, das sieht aus wie in den 70ern. Da hat sich nichts geändert: die Haidhauser Nachrichten. Da hängen die Druckfahnen im Schaufenster. Alle möglichen Sticker gegen dieses und für jenes zieren Fenster und Türen. Ich erinnere mich an die Anfangszeiten der Stadtzeitungen. Insbesondere das subversiv und doch wegweisende "Blatt" aus Schwabing. Schön, dass es so etwas noch gibt.

Die Breisacher Straße geht über zur Pariser Straße. Die Pariser Straße führt zum Pariser Platz.

Pariser Platz

Der Pariser Platz gibt sich unscheinbar. Vor 30 Jahren war er noch unscheinbarer. Er ist wahrlich keine Perle urbaner Platzgestaltung.

Vor etwa 35 Jahren war das etwa so: In weiten Teilen Münchens herrschte gähnende Leere. Künstler und Kulturschaffende wanderten zu Scharen nach Berlin ab. Je mehr abwanderten desto mehr gähnte die Leere. Viele versuchten die Leere mit Alkohol aufzufüllen. Das gelang nur mäßig.

An einem besonders leeren Abend an dem der Alkohol ganz besonders wenig funktionierte in der Stammkneipe:

"Alles so leer und öde hier"
"Ja... dann lass uns doch was machen?!"
"Au ja, aber was?"
"Lass uns ein Fest machen."
"Hm, und wann?"
"Egal, Samstag vielleicht. Also morgen."
"Ja ja ja, aber wo?"
"Pariser Platz."
"Warum da?"
"Weil da genau so gut ist, wie dort."
"Und wie machen wir das?"
"Wir erzählen es hier allen und die sollen es allen anderen sagen. Morgen Abend, jeder bringt ein paar Bier mit. Der Rest wird sich schon fügen."

Am Samstag also am Pariser Platz. Da saß ich also mit meinem Mitbewohner und einem Kasten Bier. Hm, hat die Idee doch nicht so gezündet. Egal, haben wir einen Kasten für uns zwei. Wird es eben ein kleines Fest.

Der Kasten wurde leerer. Der Platz, schau an, voller. Nach und nach kamen sie aus allen Ecken. Hier jemand mit auch einem Kasten Bier. Dort jemand mit einer Gitarre. Aus einem Mülleimer wurden große Dosen geangelt, die als Percussion her halten mussten. Ein Feuer wurde entfacht. Zuletzt feierten, musizierten, lachten und zechten wohl gut 60 Leute.

Friedlich. Passanten wurden auf ein Bier zum mitfeiern eingeladen. Hat also doch geklappt. Bis...

...ja bis auf einmal ein Ruf über den Platz hallte "Die Bullen". Alles sprang auf und rannte in alle Himmelsrichtungen davon. Und auf einen Schlag wimmelte es überall vor Polizei. Die Polizei sammelte das versprengte Feiervolk wieder ein und nahm Personalien auf, dass es eine Freude war.

Bald traf auch die Feuerwehr ein, das Lagerfeuer löschen. Die hat nur gelacht, wegen so einer kleinen Flamme einen ganzen Löschzug.

So oder so ähnlich war das damals auf dem Pariser Platz.

Café im Hinterhof

Vom Pariser Platz geht die Sedanstraße ab. In einem Hinterhof der Sedanstraße befindet sich das Café im Hinterhof. Ich glaube, das war schon immer da. Ich habe mich nicht getraut, hinein zu gehen. Ich hatte Angst, mich dort zu treffen. Und das wäre schon ein bisschen komisch gewesen. Habe ich dort doch tolle und schlimme Momente erlebt.

Black Dragon In / Neue Heimat

Einen Schlenker in die Metzstraße. Da war doch das Black Dragon In. Vorher die Neue Heimat.

In der Neue Heimat war ich nie. Da trafen sich - und damit, das ist mir klar, trete ich auf ganz viele Zehen - Hippies, Antiimps, Zebulons und was weiß ich. Das war mir zu wenig Punk. Zu viel Politik.

Im Black Dragon In war ich mal. Das war schon Punk. Und Bier. Und ein Freund ist viel zu früh verschieden. Danach gab es das Black Dragon auch nicht mehr.

Heute zeugt nichts mehr von Hippies, Punks oder Revolution. Heute ist da Latte Macchiato und Vollkorntarte und Tofu.

Schnell weiter.

Café Schädel / Stöpsel

Als das Schädel noch Stöpsel hieß, habe ich da mal ein Unertel Weißbier probiert. Weil es hieß, Unertel Weißbier ist so super. Und weil es eh so super ist, gibt es das eigentlich nur da. Ich fand das Unertel Weißbier gar nicht so super. Eher sehr unsuper. Bin trotzdem gerne ins Stöpsel gegangen, weil die außer Unertel auch noch anderes Bier hatten.

Dann wurde aus dem Stöpsel das Schädel. Ob es noch Unertel gab, weiß ich nicht mehr.

Im Schädel gab es das Piraten Frühstück. Das musste probiert werden. Also vormittags ins Schädel und das Frühstück geordert. Auf einem Serviertablett kam eine Scheibe Zwieback, ein Stamperl Rum und eine Schüsselchen getrockneter Fisch. Etwas ungewohnt. Der Zwieback war trocken. Der Fisch war trocken. Und der Rum auch.

Mein Tresennachbar bestellte ein Schälchen Essig. Ja, mit etwas Essig, da gingen die Fischchen ganz gut.

Worauf ich allerdings hinaus wollte, ins Schädel konnte man gut am Vormittag gehen, um sich auf den Abend zuvor mit eine Konter-Halbe wieder ins Diesseits zu trinken. Dabei konnte aus der Konter-Halben schon mal eine Konter-Mass werden. Und bis man sich's versah wurde es dunkel und man bekam so eine Ahnung, dass auch der nächste Tag nach einem Konter-Bier wird rufen.